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bwohl ich bereits an vielen Stellen immer wieder verdeutlicht habe, daß ein Tiger kein Gegner für einen Mensch wäre, habe ich mich dennoch dafür entschieden eine eigene Kategorie für Beispiele der Kraft des Tigers zu erstellen. Alle folgenden Beispiele sind von Wissenschaftler überliefert oder wurden von Einheimischen berichtet. Es sind einige beeindruckende Erzählungen darunter, die sehr bildhaft verdeutlichen, wie stark ein Tiger wirklich ist. Ohne weitere Umschweife möchte ich nun beginnen.

Als Einstieg möchte ich gleich zu großen und beeindruckenderen Beutetieren des Tigers kommen, obgleich es sich bei den meisten Fällen wohl nicht um die Regel handeln wird. Der Tiger liefert sich öfter heftige Gefechte mit größeren Säugetieren. In Indien ist in erster Hinsicht der Wildbüffel (Bubalus arnee) oder der indische Bison (Bos gaurus - auch Gaur genannt) zu nennen. Es kommen aber auch immer wieder Fälle vor in denen ein Tiger einen "Elephus maximus" angreift - ganz recht - einen Elefanten! Man könnte jetzt annehmen, daß er nur junge Elefanten oder kleine Weibchen angreift, dem ist aber nicht so. Ein Präzedenzfall aus Indien, der von Smythies 1940 beschrieben wurde, ist ein gutes Beispiel. Hier griffen zwei Tiger einen ausgewachsenen Elefantenbullen an und töten diesen in einem dreistündigen Kampf. Die Stoßzähne dieses Bullen wogen 55,3 kg, von einem kleinen Bullen kann deshalb wirklich nicht die Rede sein.

Der Tiger scheut auch nicht vor einem Kampf mit einem Bären zurück, egal ob es sich um einem Lippen-, Kragen- oder Braunbären (Melursus ursinus/Ursus thibetanus/Ursus arctos) handelt. Zu sagen, daß es sich um einen fairen Kampf handele ist wohl zuviel des Guten. In der Tat haben die meisten Bären panische Angst von dem Tiger und einige rennen schon hysterisch davon, wenn sie nur die Fährte eines Tigers kreuzen. Die nördlicher lebenden Tiger (wie Panthera tigris altaica) betrachten den Bären sogar teilweise als gewöhnliche Nahrungsquelle, ja machen sogar regelrecht jagt auf die Bären. In der Regel haben die Bären keine Chancen gegen einen ausgewachsenen und erfahrenen Tiger.

So ist ein Fall bekannt, bei dem eine Tigerin eine Bärin, die Junge hatte, in einer Höhle stellte. Die Tigerin grub einen Hintereingang zu dieser Höhle und hetzte dann die Bärin praktisch immer wieder quer durch die Höhle. Als die Tigerin die Bärin dort hatte von sie wollte (ein Bißchen platt formuliert), packte die Tigerin die Bärin am Fuß, zog sie aus ihrer Höhle heraus und tötete sie mit einem Nackenbiss. Nachdem die Bärin getötet war, betrat die Tigerin noch die Höhle und tötete die Jungen - vermutlich mit einem Biss durch den Schädel. Dieses Szenario wurde von Kaplanov anhand von Spuren vor der Höhle als auch in der Höhle, wo es nach seinen Angaben wie nach einem Blutbad aussah, rekonstruiert. Von der Bärin blieb nur der Kopf sowie die längeren Knochen der Extremitäten übrig. Das die Bärin tatsächlich an einen Bein aus der Höhle gezogen wurde, bewies ein an der Fraßstelle gefundene, fürchterlich zerschundene, Bärentatze.

Das der Tiger sich generell auf einen Angriff auf einen Bären einläßt kommt meinst häufig vor, wenn andere Nahrungsquelle, wie Schwarzwild, knapp werden. Um nichts zu Unterschlagen muß noch gesagt werden das auch Fälle bekannt sind bei denen sich ein Tiger, von einem Bären, mühelos verjagen lies. Es kommt sowohl auf die Unterart des Tigers als auch auf das Individuum selbst ab, ob und in wie fern es sich von einem Bären Paroli bieten lässt. Die männlichen Tiger greifen bedingt durch ihre Größe, gegenüber den Weiblichen, meist auch größere und stärke Tiere an, als dies eine Tigerin täte.

Ein weiteres Vorkommnis in Sibirien ist ebenfalls sehr interessant. Hier griff ein Tiger eine Gespann aus Pferd und einem Karren an. Der Führer des Gespanns blieb unverletzt konnte aber die Geschehnisse verfolgen. Obwohl der Tiger das Pferd bereits mit der ersten Attacke zu Boden streckte, konnte dieses noch einmal aufstehen. Die zweite Attacke, die wohl unmittelbar gefolgt sein dürfte, überlebte das Pferd allerdings nicht mehr. Der Tiger packte das Pferd an der rechten Flanke und muß so heftig zugeschlagen haben, daß dieser die gesamte Flanke des Pferdes, inklusive der Rippen, heraus gerissen hat.

Des weiteren sind aus Indien Fälle bekannte, in denen sich ein Tiger mit fünf erwachsenen Büffeln (Bubalus arnee) gleichzeitig angelegt hatte und nicht ehr von ihnen abließ bis er alle getötet hatte.

Z. Veselovský berichtet über einen Tiger der einen 800 bis 900 kg schweren Büffel in einem Sumpf erlegte und anschließen 150m weit, über eine steile Böschung hinweg, an einen trockenen Platz schleppte. Dies ist ein weiteres beeindruckendes Beispiel für die Kraft, insbesondere der Halsmuskulatur, eines Tigers.

Neben den Beispielen für die gewaltige Kraft eines Tiger, die ich bereits gegeben habe, möchte ich es mir nicht nehmen lassen einige andere noch anzusprechen. Dies geschieht deswegen erst hier, da sich die Themen teilweise mit damals noch nicht angesprochenen Themen überschnitten haben. Durch die enorme Kraft des Tigers lassen sich mitunter famose "Schauspiele" beobachten. Einmal wurde gesehen wie ein Tiger aus dem Stand mit einer 90 kg schweren Beute im Mund mühelos über einen zwei Meter hohen Zaun sprang. Dies ist auch ein gutes Beispiel für die Kraft des Tigers, der durch seine extrem starke Halsmuskulatur solche "Kunststücke" vollbringen kann.

Vor einiger Zeit habe ich einen Amateurfilm gesehen, den irgendein unbewaffneter Teilnehmer einer Tigerjagd - wenn ich mich recht entsinne, in Laos oder Kambodscha - mit einer vorsintflutlichen Super 8-Kamera aufgenommen hat: Ein flüchtender Tiger, allenfalls zweijährig, und eine 15-20 Tiere starke Hundemeute auf seinen Fersen. Als der Tiger versucht, aufzubaumen, springen die Bluthunde - größtenteils Dobermann-Mischlinge - kläffend an der Eukalyptus-Staude empor und fügen dem Tiger am Schwanz und an den Hinterläufen einige blutige Wunden zu - woraufhin der Tiger von dem Vorhaben, den Baum zu erklettern, abläßt und sich langsam an der glatten Oberfläche des Eukalyptus-Gewächses herunterrutschen läßt. Der Mann mit der Kamera ist ihm inzwischen bis auf wenige Meter auf den gestreiften, orangerot unterlegten Pelz gerückt. Nachdem der Tiger festen Boden gewonnen hat, weichen die Hunde zurück, nur um sogleich von neuem auf ihn einzudringen. Im nächsten Augenblick trübt sich die Linse der Super 8-Kamera bis zur Undurchsichtigkeit: Der Tiger hat sich auf die Hinterbeine gestellt und, den Eukalyptusbaum in seinem Rücken, einen so formidablen Prankenhieb ausgeteilt, daß Blut und Innereien des ersten Hundes dem Kameramann quer über die Linse spritzen. Im Anschluß daran setzt der Tiger seine Vordertatzen wieder auf den Boden und keilt, wie ein Pferd, mit den Hintertatzen nach hinten aus - kein tödlicher Stoß, den er auf diese Weise führt, aber ausreichend, um einen Bluthund, der sich in seinen Rücken geschlichen hat, blutüberströmt zu Boden gehen zu lassen. Im nächsten Augenblick steht der Tiger schon wieder auf den Hintertatzen und legt los: Binnen weniger Minuten sind zehn Hunde tot, von mörderischen Seitwärtshaken der mächtigen Pranken zu Boden gestreckt und dabei oft einfach entzweigerissen. Der Tiger, wohl witternd, daß der menschliche Teil der Jagdgesellschaft noch ein ganzes Stück entfernt ist, geht nun zur Offensive über und jagt die übriggebliebenen Hunde über Stock und Stein: Den ersten, dessen er habhaft wird, drückt er mit den Tatzen zu Boden und beißt ihn buchstäblich in der Mitte durch. Abseits des ausgetretenen Pfades können die Hunde ihre läuferische Überlegenheit nicht zur Entfaltung bringen, während der Tiger sich bietende Hindernisse einfach überspringt. Noch das eine oder andere schmerzhafte Aufjaulen, dann ist die eben noch so siegesgewisse Hundemeute ausgelöscht, ja geradezu ausgerottet. Als der Tiger, von der Super 8-Kamera aus sicherer Entfernung gefilmt, auf leisen Pfoten im dunklen Unterholz verschwindet, hinterläßt er ein Szenario, das dem eines Schlachthauses zum Erschrecken ähnelt. Schwärme von Schmeißfliegen halten sich brummend und summend an dem schadlos, was der Tiger von seinen Verfolgern übriggelassen hat...

Mitunter kann man eine gewisse Plastizität solcher Beispiele nicht abgestritten werden. Ein direkter Vergleich zwischen dem Tiger und dem Menschen ist deswegen der nächste Schritt. Direkter Vergleich nicht im Sinn von Zweikampf (!?!?) sondern vielmehr im Sinn von bildhaften Vorstellungen gemeint. Wieder verschlägt es mich nach Indien. Hier wurde ein außergewöhnlich exemplarischer Fall dokumentiert. Ein Tiger hatte einen sehr großen Büffelbullen erlegt und schleppte diesen einige hundert Meter weg, um ihn dort zu verzehren. In seiner unendlichen Weisheit entschied der Mensch aber dies nicht zu dulden und verjagte den Tiger von seiner Beute. Der anschließende Abtransport des Büffels stellte sich jedoch komplexer dar, als man dies zuerst dachte. Dreizehn erwachsene und kräftige Männer waren nicht in der Lage den Büffel auch nur einen Meter weit zu bewegen. Plastisch ist diese Tatsache nicht und sie entbehrt auch jeder Missdeutbarkeit.

Vielleicht kann man hier am besten erkennen welche Power hinter dieser Aktion stand. Bei der Torero-Mentalität die einige Menschen an den Tag legen, könnte man denken sie wären auch in der Lage gleichzeitig fünf Wasserbüffel nieder zu ringen. In einigen Denkansätzen Logik zu finden verkommt immer mehr der sprichwörtlichen Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.

Es gibt eine Vielzahl an interessanten Statistiken zum Jagdverhalten des Tigers. In der Tat sind alle bisherig angeführten Fälle, um die Kraft des Tigers zu verdeutlichen, ja im Grunde Einzelfälle. Von Einzelfällen auf das Große und Ganze zu schließen ist immer sehr problematisch. Der Bär ist ein Tier das in Europa ein Inbegriff von Kraft geworden ist. Redewendungen wie Stark wie ein Bär und zahlreiche andere sind hier anzuführen. Aus diesem Grund habe ich den Bären als statistisches Vergleichsobjekt ausgewählt.

Wie bereits einige Male erwähnt gibt es lediglich wenige Fälle in denen ein Bär einen erwachsenen Tiger abwehren konnte oder noch weniger Fälle in denen ein Bär einen Tiger töten konnte. Die erwähnten Fälle sind aber ebenfalls nur Einzelfälle, obgleich erfahrene Experten diesen Umstand nie als Einzelfall betrachten würden. Die folgenden Angabe beziehen sich auf den Amurtiger (P. t. altaica), da mir zur Zeit für den indischen Tiger keine so exakten Zahlen bekannt sind. Statistisch gesehen stellt der Bär circa fünf bis acht Prozent der Tigernahrung in den östlichen Verbreitungsarealen dar. Für die anderen Tigerarten, inklusive der Nominatform, muß man von geringeren Werten ausgehen. Bis auf den Amurtiger leben alle anderen Arten meist in Gebieten in denen keine so extreme Nahrungssituation bzw. Nahrungskonkurrenz herrscht wie in den kalten östlichen Gebieten. Obwohl der Tiger dem Bären überlegen ist, lässt er sich auch ab und zu von diesem (dem Bären) von seiner (der des Tigers) Beute verjagen. Man könnte sagen, daß es einfacher ist eine andere Beute zu erlegen als eine Konfrontation mit einem Bären, unnötiger Weise, zu "riskieren". Eine Vorgehensweise die man schon als berechnend einstufen kann, schließlich geht jeder (!!) einem vermeidbaren oder unnötigen Kampf aus dem Weg.

Wie aber bereits mehrere Male erwähnt, muß sich der Tiger in Punkto Kraft nicht verstecken. Durch diverse Tests und Erhebungen in zoologischen Gärten und der Freien Natur weiß man, daß ein ausgewachsener männlicher Amurtiger in jeder seiner Pranken etwa 1,25 Tonnen Schlagkraft hat. Die Nominatform wird mit etwa 1,17 Tonnen (also ein Menschengewicht weniger) angeführt. Für andere Tigerarten sind mir leider keine Zahlen bekannt geworden.

Als letztes möchte nochmals ein Beispiel auf dem Kapitel "Menschenfresserei" anführen. Es trug sich zu, daß ein Mann am Rand eines Abhangs ein großes Bündel Gras sammeln wollte. Das sich ein Tiger näherte fiel dem Mann nicht weiter auf (verständlich!!!). Bevor sich der Mann versah stürzte sich der Tiger auf diesen, einen Zahn (Canini) unter dem rechten Auge, einen unter dem Kinn und die anderen beiden hinten im Nacken, biss der Tiger dann zu. Die Wucht des Angriffes stieß den Mann um und so kam es zu einem bestimmt kuriosen Anblick. Der Mann lag auf dem Rücken, Brust an Brust mit dem Tiger und mit dessen Magen (des Tigers) zwischen seinen (dem Mann) Beinen. Beim Sturz gelang es dem Mann in Reichweite einer Eiche zu kommen, da dieser während des Fallens seine Arme weit auseinander streckte. Im selben Augenblick, da der Mann einen Ast der Eiche greifen konnte, fasst er den Plan sich an dem Eichenast unter dem Tiger vorzuziehen und diesen (den Tiger) mit den frei liegenden Beinen den nahen Abhang hinunter zu stürzen. Dieses Vorhaben gelang dem Mann freilich nur aus zwei Gründen. Erstens hat der trotz des Zubeißens des Tigers und den damit verbundenen enormen Schmerzen, sämtliche Knochen der rechten Seite des Antlitzes wurden regelrecht zerquetscht, nicht das Bewußtsein verloren (eine für sich genommene schon grandiose Leistung/Glück). Weitergehend hat er zweites die Ruhe bewahrt und den Tiger so nicht noch mehr gereizt. Nachdem der Tiger die Böschung heruntergefallen war und sich entfernte, band sich der Mann ein Tuch um den Kopf und ging zurück in sein Dorf. Es war also ausgesprochenes Glück, welches den Mann mit dem Leben davon kommen ließ.

Nichts desto weniger kann dieser Tiger eigentlich kein sehr großes Exemplar gewesen sein, denn in dieser Situation einen Tiger anzuheben und wegzustoßen dürfte selbst für einen starken Menschen ein Problem bedeutet haben. Wenn man sich bis 250 kg für einen erwachsenen Tiger vor Augen führt, halte ich es persönlich für fraglich, ob man so ein Tier mit den Beinen, in dieser Lage, stemmen kann. Das nicht nur große Tiger einem Menschen gefährlich werden können ist hier als Resümee sicher erlaubt, wenngleich dies keine Überraschung sein dürft (Meinung des Autors).

Ich hoffe, daß es mir gelungen ist ausdrucksvoll darzustellen, welche Kraft ein Tiger besitzt. Jedoch sollte man sich von solchen Erwägungen nicht dazu verleiten lassen den Tiger als brutalen Killer zu bezeichnen. Auch ein Tiger ist im Grunde nur eine große verspielte Katze, der etwas anderen Art. Nur weil ein Tiger so stark ist, heißt dies ja noch lange nicht, daß man diese Kraft auch zu spüren bekommt. Sollte Sie noch Frage zu diesem Thema haben, dann zögern Sie nicht mir eine EMail zu schreiben:

© 2001 by Marc "Sesshoumaru" Meiner