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en Kontakt mit anderen Tigern zu vermeiden scheint ein Kredo dieser Panthera zu sein - obwohl die Nachbarn ansonsten ein gutes Verhältnis haben. Beinahe die einzige Aberration von diesem Verhalten ist während der Paarungszeit zu beobachten. Während dieser kurzen Zeit tolerieren sich die Geschlechter und bleiben auf einem relativ engen Gebiet zusammen.

Nach L. G. Kaplanovs Beobachtungen leben die "Partner" so eng zusammen, daß sie beim Herumwandern sehr viel Spuren hinterlassen und so der Anschein eines ganzen "Tigerrudels" entsteht. Dieser Fehler unterläuft aber ehr unerfahrenen Personen. Die Fortpflanzung selbst geschieht meistens in einem Zeitraum von drei bis acht Tagen und findet mehrere Male pro Tag statt. Es wurde jedoch schon stark von diesen Angaben abweichende Beobachtungen gemacht. Als Extremwerte für die Länge der Paarungszeitraum kann man für das Minimum drei Tage und für das Maximum dreiundzwanzig Tage angeben. Pro Tag finden dann etwa zehn (sehr wenig) bis achtzehn Kopulationen statt. Um die Angaben zu vervollständigen kann man noch anführen, daß jede Kopulation circa zehn Sekunden bis drei Minuten dauern kann. Die Immissio selbst dauert jedoch nur wenige Sekunden (2 - 6 Sekunden).

Bei jeder Immissio wird ungefähr 5-7ml Ejakulat frei, bei einer Korrelation (p > 0,05) zwischen Ejakulat und Hodenvolumen von ca. 75cm3. Das Tigerspermium ist etwa 5,8µm lang und 3,95µm breit. Messungen ergaben auch, daß sich in jeder Ejakulatprobe um die 175,4 x 106 motile Spermien befinden. Dies ist wesentlich mehr als beispielsweise beim Geparden mit 30,45 x 106. Falls Sie noch mehr Informationen zu diesem Thema benötigen, dann schicken Sie mir eine EMail über den Link am Seitenende.

Charakteristika der Elektroejakulate des Tigers
Unterart
Proben-anzahl
Volumen (ml)
Spermienkonzentration in 106/ml
Anteil motiler Spermien in %
Vorwärts-bewegung*
Morph. abnormale
Spermien in %
Testjahr
Panthera tigris tigris
13
7,0
31,9
81,5
4,0
37,5
1988
Panthera tigris altaica
23
5,7
38,1
77,7
4,1
39,9
1987

*Vorwärtsbewegung: Auf einer Skala von 0 bis 5, auf der 5 sehr schnelle Bewegung vorwärts und 0 Stillstand bedeutet;

Für gewöhnlich liegt die Tigerin mit dem Bauch auf dem Boden und der Tiger steht über ihr. Eine Besonderheit bei diesem Vorgang ist der Nackenbiss mit dem der Tiger seine Gefährtin festhält. Dies ist die bereits angesprochene zweite, und ehr rituelle, Bedeutung des Nachenbisses bei Tigern. Für jemanden der nicht mit diesem Verhalten vertraut ist sieht dies mit Sicherheit mehr nach einem Tötungsversuch als nach einem Liebesspiel aus. Nachfolgend kann man den groben Verlauf des Paarungsritual sehen:


A. Die östrische Tigerin nähert sich dem Tiger (1). Beide nehmen zunächst mißtrauisch und vorsichtig Kontakt auf (2). Die Tigerin rückt dem Tiger
näher, Schnurrbarthaar an Schnurrbarthaar, und sie ”küssen“ sich (3). Die Tigerin ”bietet sich an“.

B. Stellung während der Kopulation (4). Die Tigerin richtet ihr Hinterteil etwas auf, um dem Tiger das Besteigen zu erleichtern (5-9). Tiger und Tigerin
beginnen zu brüllen, die Laute während der Paarung klingen wie ”Ar Ar Ar Ar. . .“. Auf dem Höhepunkt der Paarung beißt der Tiger fest in den Nacken
der Tigerin und stößt einen durchdringenden Schrei aus. Sobald die Paarung vollzogen ist, wirft die Tigerin den Tiger ab (10), dann folgt eine kurze
Rauferei und sie trennen sich. Die gesamte Paarungssequenz dauert zwischen 10 sec und 3 min. Nach der Kopulation kühlen sich einer oder beide
im Wasser ab; sie liegen dann Seite an Seite. Nach kurzer Zeit steht die Tigerin auf und das Ganze wiederholt sich ab Stadium 3 oder 4. Die Paarung findet
zehn bis achtzehnmal am Tag über einen Zeitraum von 3-23 Tagen statt. [entnommen von K. S. Sankhala 1967]

 

Sehr häufig können dramatische Stimmungsschwankung der Tigerinnen während der Paarung beobachtet werden. Generell kann man von einem ruhigeren Tiger und von einer extrem reizbaren Tigerin sprechen. In den Tat ist es manchmal der Fall, daß die Tigerin in einem Augenblick ihren Kopf zärtlich an dem ihres Partners reibt und im Nächsten vollkommen unvermittelt und nicht provoziert mit den Pranken nach ihm schlägt und/oder zubeißt. Das eine Tigerin direkt nach dem Paarungsakt plötzlich aufspringt und nach ihrem Partner schlägt kann man auch wiederholt erkennen. Diese Schläge sind allerdings nicht das was man als zärtlich auffassen würde. Man könnte sie (die Schläge) sogar als brutal ansehen, da schön öfter Tiger mit blutenden Krallenspuren an ihren Flanken nach dem Paarungsakt gesehen wurden. Aus diesem Grund wird in zoologischen Gärten meist sehr darauf geachtet, daß der Tiger genug Platz hat, um nach dem Paarungsakt schnell zur Seite springen zu können. Sollte dies nicht der Fall sein und der Tiger dadurch verletzt werden, ist es sehr häufig zu beobachten, daß der Tiger in Zukunft keine Interesse an der Paarung mehr hat und dies meist für den Rest ihres Lebens.

Frühere Werke gingen von der Monogamie des Tigers aus. Heutige Erkenntnisse bezeugen aber klipp und klar die Polygamie des Tiger, ähnlich wie dies beim Löwen der Fall ist. Sollte es während der Paarungsbereitschaft (Östrus) nicht zu einer Befruchtung kommen, so setzt die Hitze der Tigerin im Mittel nach sechs bis neun Wochen wieder ein. Diese Angaben können aber differieren, da diese sowohl von der Tigerunterart, dem Individuum und andern Faktoren abhängen. Die Expertenmeinungen zu diesem Thema sind ähnlich verschieden.

Als letztes möchte ich die Frage aufgreifen, wann Tiger bzw. Tigerin geschlechtsreif werden. Zu diesem Thema existieren sehr viel teils sehr unterschiedliche Angaben. Die Variationsbereite ist unter den verschiedenen Subarten prozentual nicht sehr groß, die meisten Mißverständnis resultieren aus den vielen unterschiedlichen Methoden der Wissenschaftler die diese Informationen gesammelt haben. Für die frei lebenden männlichen Tiger (egal welcher Unterart) kann man ein Alter von 3 1/2 Jahren plus minus einem 1/2 Jahr angeben. Für Tigerinnen kann man 3 Jahre plus minus ebenfalls einem 1/2 Jahr angeben - sie sind somit etwas früher geschlechtsreif als die Männchen. Alle Tiger und Tigerinnen, die in Gefangenschaft leben, sind im Durchschnitt ein Jahr früher geschlechtsreif als ihre in Freiheit lebenden Vettern.

Obwohl es sehr häufig Streit unter den Wissenschaftlern über die Beschaffenheit des Fortpflanzungszyklus gibt, gilt es doch heute als so gut wie sicher, daß der Tiger (Tigerin!!)im Allgemeinen ganzjährig polyöstisch sind - will heißen, daß es über das ganze Jahr über verteilt zu Paarungsakten und Schwangerschaften kommen kann. Die Verteilung der Geburtenanzahl folgt grob gesehen einer Gauß'schen Normalverteilung und gipfelt in den Monaten Februar bis April. Somit kann man die "Wintermonate" Oktober bis Dezember als Hauptpaarungszeit angeben (unabhängig von der jeweiligen Hemisphäre) - hier kann man also relativ viele Paarungen beobachte, wenn man die möchte!!

Einige Forscher testeten auch andere Zusammenhänge wie Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Lichtverhältnisse im Bezug auch den Östrus der Tigern. Ein Zusammenhang zwischen Luftfeuchtigkeit und Östrusdauer bzw. Auftreten konnte nicht gefunden werden. Bei der Temperatur konnten allerdings Zusammenhänge nicht klar ausgeschossen werden (vor allem nicht beim Sibirischen Tiger) . Es scheint jedoch einen Zusammenhang zwischen Helligkeit und Östrus zu geben. In einem Experiment wurde eine Tigerin über ein halbes Jahr Tag und Nacht gleichbleibender Helligkeit (wie am Tag) ausgesetzt. Ihre unter normalen Helligkeitsverhältnissen gehaltenen Schwestern zeigten keine Veränderung im Östrusverhalten, während die isolierte Tiger ca. drei Wochen früher in den Östrus kam. Aus diesem Grund wurde die Photoperiodizit des Östrus der Tigerin postuliert.

In zoologischen Gärten ist man meist bemüht den Zeitpunkt der Paarungsbereitschaft genau zu erfahren. Anhand des Urins kann man aber nur relativ ungenaue Informationen gewinnen und die Probenentnahme als auch eine evtl. Blutentnahme regelmäßig durch zu führen wäre viel zu aufwendig. Aus diesem Grund hält man sich an fünf meist sichere Zeichen. Das sogenannte lordotisches durchbiegen der Lendenregion, über den Rücken rollen und sich winden, reiben der Flanken und der Stirn an den Käfigwänden bzw. -stangen sowie Brüllen und Stöhnen sind zumeist solch sichere Zeichen. Der männliche Tiger braucht diese Hilfsmittel natürlich nicht. Über ein spezielles Organ, das Jacobson'sche Organ, ist der Tiger in der Lage den Status einer Tigerin genau zu bestimmen. Durch das zurückziehen der Lippen können Duftmoleküle an dieses Organ gelangen, welches am Gaumen lokalisiert ist. Dieser Vorgang wird auch "Flehmen" genannt.

Die männlichen Tiger sind in der Regel das ganze Jahr über Paarungsbereit. Man konnte jedoch feststellen, daß selbst sehr junge Tiger sich fortpflanzen können, wenn sie eine erfahrene Tigerin an ihrer "Seite" hatten. Sollten sie nun noch Fragen zu diesem Thema haben oder ein anderes Anliegen haben, dann zögern Sie nicht mir eine EMail zu schreiben:


© 2001 by Marc "Sesshoumaru" Meiner